Die App Be My Eyes, durch die sehbehinderte Menschen mit einem Sehenden verbunden werden können, um niederschwellige Alltagshilfe zu bekommen, hatte ich vor ein paar Jahren mal auf dem Handy. Allerdings wurde ich nie angefunkt. Ganz anders läuft das in diesem Krimi. Hier ist sich der blinde Nathaniel, als die Verbindung zu seiner zufällig ausgewählten Helferin plötzlich mit Scheppern und Rumpeln abbricht, sicher, dass er gerade Zeuge eines Verbrechens geworden ist.
Zur gleichen Zeit sind Medien und Polizei mit der Aufklärung eines HIV-Skandals beschäftigt – Nathaniels Verdacht stößt eher auf wenig Begeisterung und Ermittlungswillen. Als dritter Handlungsstrang wird dann noch ein traumatisches Ereignis aus Nathaniels eigener Kindheit beleuchtet. Inwieweit hier alles zusammenhängt, wird sich zeigen.
Mir gefällt der Stil von Christine Brand. Die Figuren werden mehrschichtig und nachvollziehbar aufgebaut und sind keine flachen Abziehbilder oder Stereotypen. Die Geschichte wird in einem schönen Tempo erzählt und es fügt sich alles ziemlich harmonisch und unkonstruiert zusammen. Kritisieren könnte man, dass die Polizeiarbeit hier eher nicht professionell erscheint.
Insbesondere die Darstellungen von Nathaniels Alltag wirken authentisch. Übertriebene Fähigkeiten oder unangebrachtes Mitleid spielen keine Rolle, die Recherchearbeit zum Leben mit Handicap überzeugt.
Blind ist der erste von fünf Teilen einer Reihe um die Protagonisten und wahrscheinlich nicht mein letztes Buch von Christine Brand.
Blind von Christine Brand · 448 Seiten · Blanvalet · 2020